Montag, 16. Oktober 2006

Gruselkabinett Nr. 12/13 - Mary W. Shelley – Frankenstein

[Achtung: Inhaltsangabe könnte einige, wenige Spoiler enthalten]
Das Hörspiel, dabei beziehe ich mich zukünftig immer auf Folge 12 und 13 des Gruselkabinetts, fängt mit der Erzählung eines Chronisten an und berichtet, wie Mary Shelley zu ihrem Roman "Frankenstein or The Modern Prometheus" kam. Gleich darauf wird Robert Walton, ein ehrgeiziger junger Mann auf einer Expedition zum Nordpol, vorgestellt. Seine Geschichte rahmt die Handlung rund um Frankenstein ein. Denn Walton trifft auf Victor Frankenstein, der ihm seine Geschichte anvertraut. Victor zog von seiner Heimat Genf nach Ingolstadt, um eine ruhmreiche Entdeckung zu machen: Das Geheimnis der Schöpfung! Aus Leichenteilen flickt er in seinem Laboratorium Frankenstein zusammen und belebt ihn.
Als er die Hässlichkeit seines Geschöpfs erkennt bricht Viktor zusammen und verstößt seine Schöpfung. Diese sinnt nun auf Rache, da ihm keiner Liebt und Frankenstein sich weigert ihm eine Frau zu "basteln"...

So habe ich die Geschichte von Frankenstein noch nie erlebt! Gleich zu Beginn werden die Rahmenbedingungen durch den Chronisten geliefert und auch geklärt, wie Mary Shelly angeblich zu dem Roman gekommen sein soll. Nach dieser Einleitung wird die gesamte Geschichte in einzelne Erzählstränge verschachtelt wiedergegeben. Äußerst geschickt, so wird die Hauptgeschichte wie ein Bild von einem Rahmen umschlossen und ergibt erst mit dem Rahmen ein großes ganzes, wie bei vielen berühmten Kunstwerken.
Dem Hörer wird ein „atmosphärisches Hörspiel mit den deutschen Stimmen vieler Hollywood-Stars“ versprochen. Ich möchte besonders das Wort „atmosphärisch“ betonen, denn selten habe ich eine so stimmige Atmosphäre erlebt, die die Zeit des Geschehens (1811) auf so angenehme Weise in die eigene Vorstellung bringt, ohne dass man auf völlig veraltete Formulierungen trifft wie z.B. bei Schillers „Die Räuber“. Des weiteren wird dem Hörer die Möglichkeit geboten nicht nur mit Victor Frankenstein zu sympathisieren, sondern ach mit dem „Monster“, da beide ihre Sichtweisen erklären und viel Mitgefühl seitens des Hörers zulassen.
Insgesamt lässt sich das Werk nicht nur als Schauer-Roman betrachten, sondern auch als Drama (gefühlige Szenen folgen unheimlichen): Es ist eine Tragödie, die schauriger und erschreckender nicht sein kann und nebenbei auch noch eine Moral bietet, wie die guten alten Märchen.

Die Sprecher leisten hervorragende Arbeit. Allen voran möchte ich den Sprecher der Hauptrolle, Peter Flechtner, nennen den vielleicht einige aus der hervorrangenden Sci-Fi-Serie „Takimo“ kennen. Ihn hätte ich kaum wiedererkannt, so wandlungsfähig ist er. Enorm mitgenommen hat mich seine Darstellung des Viktors, ich kam mir vor wie in einem Theaterstück. Der Zusammenbruch von ihm am Ende der ersten CD oder seine Interpretierung der schwankenden Gefühlen, wenn Victor Frankenstein bei seinen Lieben ist, aber von der Gefahr um sie herum weiß, hat mich schwer beeindruckt.
Auch Klaus-Dieter Klebsch weiß zu begeistern. Er spricht den „Unhold“ (Frankensteins Geschöpf). Dabei schafft er es beide Seiten des Ungetümes hörbar zu machen – sowohl die gute als auch die Böse, unheimliche.
Jochen Schröder, der Chronist, hat zwar nur einen kurzen Auftritt, schafft es allerdings innerhalb der kurzen Zeit eine ganz besondere Bindung zum Hörer aufzubauen und trägt ihn Dank seiner ruhigen, sachlichen und zugleich sympathischen Art in vergangene Zeiten... .
Professor Waldmann wird gesprochen von Hartmut Neugebauer. Bisher hatte ich ihn noch nie in einem Hörspiel vernommen und war doch sehr überrascht nicht gleich an „Hagrid“ aus „Harry Potter“ denken zu müssen. Ebenfalls eine sehr gute Leistung, wie bei den restlichen Sprechern auch, denn sie alle bringen selbst die kleinsten Nuancen von Gefühlsregungen herüber, selbst bei Vorlesungen und Erzählungen. Anmerkung am Rande: Norman Matts (spricht Robert Walton) Stimme hat, für meine Ohren zumindest, eine frappierende Ähnlichkeit mit der von Andreas Fröhlich.

Die Musiken sind sehr einfühlig und unterstützen die Handlung gleichsam wie die sorgsam ausgewählten Effekte, die nicht so sparsam und alt wirken wie bei Hörspielen von früher, allerdings auch nicht so „herumknallen“ wie zum Beispiel bei Sinclair & Co. Sie sind genau richtig dosiert: nicht zu laut und nicht zu leise und dabei auf dem neuesten Stand der Technik. Gratulation!


Fazit:
Titania Medien hat mal wieder unter Beweis gestellt, dass sie den richtigen Riecher für das Besetzten von Sprecherrollen hat und dass sie es wie kaum andere schaffen nah am Original zu bleiben, das Zeitgeschehen sehr sensibel herüberzubringen, allerdings ohne „altbacken“ oder gar langatmig und langweilig zu werden.
Auch ist es endlich mal ein Werk, welches nicht nur die Seite des Opfers zeigt, sondern auch die Beweggründe des Täters. Dem Hörer werden die Ursachen des Handelns von Frankensteins Monster klar, warum er sein Leben auf so Furcht einflößende Art und Weise geführt hat.
Ein weiteres Meisterwerk aus der Gruselkabinett-Reihe!


Punkte: Alles, was geht! :-)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nach einer Prüfung wird dein Kommentar sofort freigeschaltet!