Sonntag, 21. Oktober 2007

Bram Stroker's Dracula: Titania Medien Gruselkabinett Nr. 16-19 (4CDs - 260 Min.) / Deutsches Grammophon (5CDs - 372 Min.)

Dracula sicherlich ist die bekannteste Vampirgeschichte überhaupt und einer der meist adaptierten Stoffe der Literaturgeschichte. Aus diesem Grund habe ich nicht gezögert endlich ein Hörspiel davon zu erwerben, da Hörbücher mich mit Monologen in dem damaligen Sprachstil zu sehr anstrengen, wo ich doch vom Stress des Tages mich erholen möchte.
Ich habe zuerst die Hörspielumsetzung des Deutschen Grammophons in die Hände bekommen und erst später die Umsetzung von Titania Medien. Da ich beide Produktionen als empfehlenswert erachte, wird aus einer reinen Besprechung des Titanian'schen Werkes ein kleiner Vergleich.
Zu Beginn eine kleine Gegenüberstellung der Sprecher - sofern möglich. Zuerst werden die Sprecher von Titania Medien genannt, nach dem Schrägstrich die des Deutschen Grammophons.


Graf Dracula - Joachim Höppner / Lutz Riedel
Jonathan Harker - Simon Jäger / Robin Brosch
Herr Dellbrück (Draculas Gast - Titania) - Heinz Ostermann
Kutscher Johann (Draculas Gast - Titania) - Chistian Rode
Gräfin Dolingen (Draculas Gast - Titania) - Melanie Pukaß
Soldat (Draculas Gast - Titania) - Nicola Devico Mamone
Offizier (Draculas Gast - Titania) - Uwe Büschken
Wirt (Draculas Gast - Titania) – Klaus-Dieter Klebsch
Wirtin (Draculas Gast - Titania) – Dagmar von Kurmin
Wirtsfrau "Goldene Krone" (nur Deutsches Grammophon) - Elga Schütz
Fahrgäste (nur Titania) – Edith Schneider, Marianne Wischmann, Jochen Schröder
Mina Murray (später Mina Harker) - Tanja Geke / Kristina von Weltzien
Dr. John Seward - Lutz Mackensy / Michael Bideller
Prof. Abraham van Helsing - Kaspar Eichel / Uli Plessmann
Lucy Westenraa - Petra Barthel / Jennifer Böttcher
Arthur Holmwood - Marius Clarén / Stephan Schwartz
Quincey P. Morris - Tobias Kluckert / Andreas Birnbaum
Renfield - Andreas Mannkopff / Holger Mahlich
Chronist (nur Titania) - Nicola Devico Mamone
Korrespondent des "Dailygraph" (nur Deutsches Grammophon) - Torben Liebrecht
Kapitän der "Demeter" - Hartmut Neugebauer / Douglas Welbat
Kapitän der "Zarin Catharina" - Peter Weis
Maat (nur Titania) – Norman Matt
Wärter Simmons (nur Deutsches Grammophon) - Jan David Rönfeldt
Sachverwalter Samuel Billington (nur Deutsches Grammophon) - Nima Gholiagha
Schwester Agathe - Ingeborg Lapsien / Elga Schütz
Kutscher - Jürg Löw / Wolf Rathjen
Peter Hawkins – Jürgen Thormann / Wolf Rathjen
Frau Westenraa - Inken Sommer / Angelika Thomas
Frau (nur Titania) – Evelyn Maron
Vampire: Rita Engelmann, Monica Bielenstein, Arianne Borbach / Delphine Martineau, Wenke Kleine-Benne


Wie auf den ersten Blick zu sehen ist wurde eine ausgezeichnete Sprechercast mit zig sehr bekannten Namen aus dem Hörspiel- und Hörbuchbereich zusammengestellt. Jeder im Cast trägt sein Bestes zum Gelingen des über sechsstündigen oder vierstündigen Werks bei.
Die größten Unterschiede bei der Sprecherwahl liegen in den Hauptrollen. Besonders bei Graf Dracula selbst fällt dies stark ins Gewicht. So ist bei Titania Medien Joachim Höppner (im Herr der Ringe Gandalf) ein sehr charismatischer Dracula, der - wenn möglich - alle seine Gedanken für sich behält. Dahingehen ist Lutz Riedel der absolut böse Dracula. Er kommt sowas von bedrohlich rüber, dass ich mich des Nachts richtig schön gruseln konnte. Joachim Höppner strahlt hingegen einen unterschwelligen, hinterlistigen Grusel aus. Dies führt zu zwei völlig verschiedenen Draculas, obgleich sie identisch handeln. Die ganze Handlungsweise scheint in beiden Produktionen ganz unterschiedliche Beweggründe zu haben. Ein Paradebeispiel dafür, was unterschiedliche Sprecher und Regie aus der gleichen Vorlage zaubern können.
Zu Jonathan Harker: Simon Jäger spricht in Titanias Produktion den jugendhaften Helden. Besonders beeindruckt wurde ich von seiner Leistung in Draculas Gast. Robin Brosch hingegen wirkt auf mich bedeutend erwachsener - nicht zu verwechseln mit alt.
Die Bilanz der männlichen Sprecher bei beiden Produktionen ist für mich sehr gut bis ausgezeichnet. Besser besetzt finde ich die Rolle des Abraham van Helsing durch das Deutsche Grammophon. Bei Titania Medien klang er mir etwas zu "weich", bei der Konkurrenz spricht er etwas "härter", was bei mir allgemein der tendenzielle Eindruck ist.
"Richtig was auszusetzen" habe ich im Grunde nur bei den weiblichen Sprechern. Nachdem ich Mina und Lucy sowohl in der Produktion des Deutschen Grammophons als auch der von Titania Medien gehört hatte, war ich wirklich überrascht: Bei Titania Medien klingt besonders Mina sehr jung, unsicher und irgendwie kränklich. Mir sagen hier die Stimmen des Deutschen Grammophons wesentlich mehr zu. Schade, dass nicht die gleiche Auswahl getroffen wurde.
Zusammengefasst bin ich der Meinung, das die Sprecherauswahl von Titania Medien "jünger" wirkt und insgesamt etwas "weicher" von der Stimme, wohingegen die Sprecher des Deutschen Grammophons genau entgegengesetzt wirken.

Das Label Deutsche Grammophon kann - aufgrund seiner Vergangenheit als Musiklabel von klassischen Stücken - auf ein Musikarchiv zurückgreifen, welches seinesgleichen sucht. Aber auch Titania Medien bietet so einiges. Die Musikauswahl ist in beiden Versionen sehr überlegt und gut eingesetzt worden, wobei beim Deutschen Grammophon der Musikeinsatz ein wenig besser gelungen ist. Sie trägt und begleitet die Geschichte niemals so aufdringlich, dass diese mehr Aufmerksamkeit beansprucht als die Geschichte. Sie lenkt niemals vom Geschehen ab, es sei denn man versucht der Musik zu lauschen, da diese, beim angespanntem Zuhören, gar nicht mehr auffällt, als würde sie gar nicht eingespielt werden. Vielleicht liegt dies an der doch wohl etwas sehr klassischen Musik im Vergleich zu Titania Medien. Indes ist mir die Musik bei Titania an einigen Stellen sehr bewusst geworden, was zwar nicht (unbedingt) stört, sondern die Szenerie noch weiter - wenn auch etwas aufdringlich - unterstützt, somit "Actionlastiger" wird. So gibt es nicht nur klassische Stücke, sondern auch modernere "actiongeladene", wie im Kino.

Effekte werden in der Umsetzung des Deutschen Grammophons, das durch die langen vorgetragenen Briefwechsel bisweilen eher einer szenischen Lesung gleicht, nicht viel eingesetzt. Nichtsdestotrotz kommen die Geräusche und sonstigen Effekte auf den Punkt genau daher und erzielen eine fantastische Wirkung. Titania Medien wirkt in diesem Bereich ebenfalls wesentlich "jünger", moderner. Zu der teilweise leicht aufdringlichen Musik werden punktgenau tolle Effekte eingespielt und ein einheitliches Klangbild geschaffen.
Der Hauptunterschied besteht wohl darin, dass die Briefe/Tagebücher etc. bei Titania Medien fast ständig mit Musik und passenden Geräuschen hinterlegt wurden, was meiner Meinung nach ausgezeichnet gelungen ist. Dagegen herrscht bei dem Hörspiel des Deutschen Grammophons an diesen Stellen stets Stille.

Das Hörspiel des Deutschen Grammophons hält sich in weiten Teilen sehr Detailgetreu an die Romanvorlage. Durch die sehr gute Buchbearbeitung von Oliver Coors und unter der Regie von Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne entstand ein Hörspiel, welches unglaublich präzise die unheimliche Atmosphäre der Vorlage einfängt, sodass ich richtig mitgefiebert und bei den Auftritten Draculas mich jedesmal gefürchtet habe.
6 Stunden und 12 Minuten lassen viel Raum für Details. Und die Details sind es, die diese Dracula-Fassung so atmosphärisch dicht und lebendig werden lassen, genau wie das Buch. Viele Tagebuchnotizen und Telegramme werden vorgetragen, und so wechselt die Erzählerperspektive ständig, wodurch keine Langeweile auftritt. Ein kleiner Wehmutstropfen ist, dass erst ab CD 3 die Handlung zunehmend dramatischer und spannender wird, sowie die Einteilung von nur 4 Tracks pro CD. Was auch negativ auffallen könnte ist, dass das Hörspiel Konzentration bei den Briefen erfordert und das Hörspiel mit über sechs Stunden sehr lang ausgefallen ist - dafür aber extrem nah am Original bleibt.
Titania Medien hat alles viel moderner aufgefasst. So wurde die Geschichte stark gestrafft: Viele lange Briefe et cetera wurden weggelassen oder gekürzt. Insbesondere wurde das Hin und Her zwischen Mina und Lucy gekürzt: Die Entwicklung hin zur Katastrophe vollzieht sich wesentlich schneller. Durch die Dreiteilung des Romans fällt es einfach immer wieder einen einzelnen Teil zu hören und auch die gute Trackaufteilung hilft dabei, schnell wieder bestimmte Szenen zu hören oder wieder weiterzuhören.
Wie oben bereits erwähnt, wurden bei Titania Medien Briefe und so weiter mit einer großartigen Geräuschkulisse versehen. Zusammen damit wurden aus den vielen Tagebucheinträgen von Jonathan Harker ein Hörspiel kreiert, wo bei der Version vom Deutschen Grammophon nur Jonathan alles berichtet. Bei Titania Medien wird zum Beispiel der ankommende Brief von Graf Dracula auf CD1 von Dracula gelesen, beim Deutschen Grammophon jedoch nicht.
Gänzlich anders bei Titania Medien ist, dass die Kurzgeschichte Draculas Gast, die ursprünglich als Einleitungskapitel gedacht war, tatsächlich als solches der richtigen Dracula Geschichte vorangestellt wurde.

Die Covergestaltung ist ansprechend - zumindest bei der Weltbild Sonderedition des Hörspiels vom Deutschen Grammophon. Dort befindet sich ein Bild mit einer fliegenden Fledermaus und dem blutroten Schriftzug "Dracula". Das ganze auf schwarzen Hintergrund. Ein äußerst gelungenes Cover, das an Finsternis wohl nicht zu überbieten ist und mich an die von mir geliebte Schlichtheit der alten Cover des Gruselkabinetts erinnert.
Bei Titania Medien gibt es gleich vier Cover, wobei der Pappschuber, in dem sich die vier CDs befinden, das Cover der letzten CD bildet, aber ohne Kutsche. Hier gefallen mir am besten die Cover von Draculas Gast und Dracula 3, bzw. das des Pappschubers. Alle Cover wurden wunderschön gemalt - sind jedoch für meinen Geschmack zu farbenfroh. Die düstere Schilderung Transsylvaniens von Bram Stroker wird dort nicht wiedergeben, sondern eine schöne, farbenprächtige Welt. So sind es zwar großartige, toll anzusehende Cover, aber sie verheißen mir nicht dieses düstere, unheimliche wie das des Deutschen Grammophons, wo ich selbst durch die Ungewissheit bedeutend mehr hineininterpretieren kann und meine Neugier stärker geweckt wird.

Fazit:
Die Umsetzung von Titania Medien hat sich die Einordung Hörspiel richtig verdient. Briefe/Tagebucheinträge werden anders als beim Deutschen Grammophon nicht nur vorgetragen, sondern oftmals durch Hörspielszenen ersetzt oder ergänzt. So handelt es sich beim Deutschen Grammophon mehr um ein Mix aus inszenierter Lesung und Hörspiel, da Briefe originalgetreu wie im Buch vorgelesen werden und nur die szenischen Textstellen des Buches als echtes Hörspiel produziert wurden.
Für mich hat aus diesem Grund die Produktion des Deutschen Grammophons eine unheimlich gruselige, bedrohlichen Atmosphäre, die ich nicht so intensiv bei der Titania Medien-Vertonung erlebt habe: Die Briefe/Telegramme/Tagebucheinträge wirken durch die mangelnde Geräuschkulisse sehr viel eindringlicher: Ich konnte mich voll auf den Sprecher konzentrieren, der leidet oder glücklich ist, wurde somit förmlich mitgerissen und konnte mich genau in die jeweilige Situation hineinversetzen und erlebte das gleiche wie der Protagonist. Eine wirklich detailgetreue, bedrohlich und faszinierend wirkende Vertonung.

Eine wahnsinnig tolle Atmosphäre, sehr gute Sprecher und Musik - das haben die beiden Produktionen gemein. In der Umsetzung unterscheiden sie sich jedoch: Beim Deutschen Grammophon ist diese sehr nah an der Romanvorlage und mit einem brutalen, Furcht einflößenden Dracula - aber einer meist recht ruhigen Atmosphäre; bei Titania Medien liegt eine vorsichtige Modernisierung und Umarbeitung als reines Hörspiel vor und ein sehr charismatischer hinterlistiger Dracula - sowie einer sehr dichten, "lauten" Atmosphäre aufgrund der ausgezeichneten Klangkulisse.
Insgesamt eine Kaufempfehlung beider Werke, da sie zusammengenommen ein Hörspiel für Zwischendurch mit absolut tollen Soundeffekten, nicht nicht so hohem Gruselfaktor und als Schmankerl die vertonte Kurzgeschichte Draculas Gast bildet (Titania Medien) sowie als Hörspiel für den genussvollen Grusel an langen Winterabenden (Deutsches Grammophon).


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