Sonntag, 14. September 2008

Anne in Avonlea (Folge 5-8)

Nach ihrer erfolgreichen Ausbildung als Dorflehrerin, steht die nun 16 Jahre alte Anne kurz vor Ihrem ersten Unterrichtsjahr.

Natürlich beginnt dieses nicht ohne dass Anne bereits zuvor in so einige haarsträubende Situationen gelangt, die unter anderem mit Kühen und einem kauzigen Nachbarn zu tun haben.

James A. Harrison, absolut liebens- und verachtungswürdig von Heinz Ostermann gesprochen, ist dieser kauzige Nachbar, den Anne jedoch schnell für sich begeistern kann. Charaktere wie dieser bringen viele lustige Szenen, die zum Lachen einladen, in das Hörspiel, die selbstredend ohne die Interpretation des Sprechers und der Regie nicht so gelungen wären. Allgemein stimmt das Timing der lustigen Pointen und das Zusammenspiel zwischen ernsten und fröhlichen Situationen.

Neben der Schule versucht Anne mit ihrem initiierten Dorfverschönerungsverein Spenden einzusammeln. Natürlich passieren ihr dort ebenfalls viele Missgeschicke, aus denen sie jedoch - wie Jim aus American Pie - stets besser herauskommt, als sie hineingekommen ist.

Das Unterrichten der Kinder bereitet Anne viel Freude – konnte sie doch sehr schnell fast alle Kinder für sich gewinnen. Bis auf eine Ausnahme die auf den Namen Anthony Pye hört; Die Pyes sind im Dorf regelrecht verschrien, da sie immer wieder für Unruhe sorgen.
Stolz unterrichtet Anne nach ihrer Maxime, nie ein Kind zu schlagen, sondern Ruhe im Klassenraum durch den Respekt der Kinder zu schaffen, den sie ihrer freundlichen Art wegen zu erhalten hofft. Dies funktioniert auch – nur bei den eben genannten Pye nicht, zum Entsetzten von Anne. Seinen Respekt ergattert sie erst an ihrem rabenschwarzen Tag, der eine Anne offenbart, die man nie in ihr vermutet hätte.
Dies ist aber auch gleich das schöne an der Serie: Sie ist so facettenreich und der Wirklichkeit nachempfunden, dass die einzelnen Charaktere zu echten Menschen werden, aufgrund ihrer ausführlichen, liebevollen Charakterisierung und detaillierten Beschreibung.

In der Schule hat Anne schnell eine verwandte Seele unter ihren Schülern gefunden: Paul Irving. Er nutzt seine blühende Fantasie um sich Spielkameraden vorzustellen. Davon ist die inzwischen 17jährige Anne sehr beeindruckt und so führen Anne und der elfjährige Paul schon sehr abgeklärte Gespräche über ihre seltene Gabe der Fantasie.

Aber nicht nur Paul ist ein fantastischer Charakter. Marilla Cuthbert ist wie immer ein Wunder als guter Spruchlieferant und sorgende Person. Insbesondere als Anne und Marilla zwei kleine Kinder aufnehmen wird es sehr ulkig, da der kleine Davy ununterbrochen Blödsinn anstellt – sehr zur Freude des Hörers.

In den zwei Jahren (16-17) merkt man, wie schnell Anne erwachsener wird. Einer Ihrer Standardsätze in Folge 5 und 6 ist (meist auf Davy bezogen): „Kind, was machst du denn für Sachen?“ – zu köstlich!

Liebenswert an der Serie sind auch die immer wieder geschickt platzierten Lebensweisheiten. Da wäre zum einen; „Nicht zu scheitern ist ein Vergehen, sondern zu niedrig gesteckte Ziele.“ In der darauffolgenden Folge zitiert Anne diese ihr erzählte Weisheit, woraufhin Marilla anmerkt, dass zu hoch gesteckte Ziele aber auch ein Vergehen wären.

Freundschaft ist bekanntlich eines der wichtigsten Aspekte der Serie. So beschreibt Anne sie als das Schönste auf der Welt. In der gleichen Situation erfährt Anne jedoch, dass es noch etwas Schöneres gäbe und sie es sicherlich auch bald bemerken werden. Was das wohl sein mag? J

Anne hatte in der siebten Folge eine weitere verwandte Seele gefunden, Miss Lavendar Lewis, die abgeschieden im Wald lebt. Diese bringt Anne ihre Erfahrungen nahe. Miss Lewis war mit 20 verlobt, als sich die Verbindung wegen einer unbedeutenden Kleinigkeit löste und sie in Trauer darum bis heute auf ihren Traumprinzen wartet. So rät sie Anne, dass man vergeben solle, insbesondere bei unbedeutenden Kleinigkeiten. Amüsant ist hierbei die Parallele zu Annes Freund Gilbert Blythe (höre dazu Anne auf Green Gables).

Mit diesem veröffentlicht sie übrigens anonym zwei Anzeigen in der Zeitung – einmal eine Sturmwarnung im Namen des als unseriös geltenden Wetterfrosches des Dorfes und einmal ein Gerücht über die Liebe und baldige Hochzeit ihres kauzigen Nachbarn Mr. Harrison.

Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Ein Sturm, so bedrohlich und Furcht einflößend wurde schon lange keiner mehr in einem Hörspiel dargestellt, fegt über Prince Edwards Island und richtet große Schäden an. Aber natürlich lässt sich auch aus diesem Ereignis positives ableiten.

Die Reaktion auf die zweite Anzeige ist so viel verblüffender und schier unglaublich im Vergleich zum Sturm, dass ich über diese schweigen möchte. Ein Hinweis sei aber gewährt:

Liebe scheint in Avonlea in der Luft zu liegen(!):

Als Paul Irvings Vater in Avonlea eintrifft, der – oh Wunder – vor 25 Jahren Miss Lavender Lewis wegen des erwähnten Zwischenfalles verlassen hatte, überschlagen sich die Ereignisse und die Liebe geht um:
Annes Busenfreundin Diane verlobt sich, es findet eine Hochzeit statt und vier Menschen finden sich nach langer oder längerer Zeit wieder und leben glücklich zusammen.

Anne begreift, dass die Liebe auch schleichend kommen kann, aus Freundschaften erwachsen, und nicht zwangsweise pompös auftritt, wie in Romanen oft geschildert.

Nett ist übrigens, wie fantastisch Annes Fantasie dargestellt wird: So verschlüsselt sie die wahren Begebenheiten in einem kurzen, romantischen Märchen. Einfach herrlich!

Die letzte Folge ist meiner Meinung nach – schon wieder – die emotional intensivste. Neben all‘ den schönen Ereignissen, gibt es leider auch ein furchtbares: Wieder gibt es einen Todefall zu beklagen: Rachel Lynds Gemahl ist verstorben und nun steht es schlecht um sie: Die Einsamkeit und finanzielle Probleme machen ihr zu schaffen. Doch ihre beste Freundin Marilla hat eine großartige Idee, die es Anne sogar ermöglicht doch noch das College zu besuchen – jedoch zum Bedauern ihrer SchülerInnen und Freunde, die sie fortann sehr missen werden

Thema von Anne in Avonlea ist zweifellos der Wandel der Zeit und die Veränderungen die damit einhergehen. Anne entwickelt sich immer mehr zu einer erwachsenen Frau - zum Schluss ist sie ja sogar bereits 18 Jahre alt!


Auf die Geräusche möchte ich dieses Mal intensiver eingehen, da mir zwei Szenen aufgefallen sind, die ich mir besser, beziehungsweise anders umgesetzt gewünscht hätte.
In Folge fünf landen Anne und Diana mehrmals im Matsch. Dort scheinen mir die „Platsch“-Geräusche nicht realistisch genug, da sie nur sehr wenig verwendet wurden und dadurch das Hinfallen und wieder aufrichten nicht so herrlich lustig untermalt wird, wie es mit meine Fantasie gebietet.
In der siebten Folge arbeitet Diane mit einer Axt, um Anne aus einer misslichen Lage zu befreien. Zu meinem Bedauern klingt das Schlagen mit der Axt recht merkwürdig: zu leise und dumpf. So gar nicht, wie ich es sonst aus Hörspielen kenne. Ich nehme fast an, dass es sich um eine korrekte Tonaufnahme einer echten Axt handelt, aber meine Hörspielgewohnheiten fordern etwas anderes.

Anmerken möchte ich noch, dass dies zwei Kleinigkeiten sind, die ich an dieser Stelle einfach anbringen musste, da die Soundkulisse ansonsten so wunderbar geworden ist, dass ich nie enden wollende Zeilen der Bewunderung verfassen könnte.


Im gleichen Atemzug möchte ich aber auch die Sprecher nicht unerwähnt lassen und die Herren, die diese ausgewählt haben. Jede Rolle passt wunderbar, wird einmalig von den Schauspielern interpretiert. Dadurch wird die Serie zu einem regelrechten Erlebnis! Hervorzuheben sind die Hauptsprecher, die mich durch ihre Leistungen und Rolle besonders begeistern konnten: Marie Bierstedt als Anne, Dagmar von Kurmin als Marilla, Regina Lemnitz als Rachel, die dieses Mal wahnsinnig sympathisch und natürlich wieder etwas überdreht daher kommt, sowie der Jungendhörspielerzähler schlechthin: Lutz Mackensy.

Die Rollen und die Sprecher passen derartig gut zusammen, wie ich es von meinen ersten TKKG-Kassetten kenne (damit meine ich auch die ersten Folgen), die für mich insbesondere wegen der schrägen, lustigen Charaktere und den exzellenten Darbietungen der Sprecher bei mir zum Kult geworden sind. Und genau so verhält es sich mit der Hörspielserie Anne. Es macht Spaß dem Geschehen zu lauschen und für die Zeit des Hörspiels in eine wunderbare Welt abzutauchen.

Das schöne an Annes Welt ist, dass sie so nah und doch so fern wirkt. So nah, wegen der Realitätsnähe, so fern aufgrund der längst vergangenen Zeit (19. Jahrhundert), was die Serie aber zu eine der romantischsten werden lässt – zum träumen, zum entspannen, zum freuen und zum wohl fühlen. Leider bisweilen auch zum mitleiden.


Fazit:
Insbesondere nach der letzten Folge von Anne in Avonlea bin ich ganz hin und weg. Noch nie hatte ich eine Serie, die derart die Fantasie bejahte und wirklich für die ganze Familie geeignet ist (alle Familienmitglieder sind jetzt Fans!).
Geschichtserzählung, Sprecher, Musik und Dramaturgie sind auf höchstem Niveau, wohl nicht zuletzt wegen dem engagierten Einsatz des Titania Medien Duos Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Insbesondere möchte ich einmal mehr Marc Gruppe für das fantastische Hörspielscript danken, dass mir mit so viel Liebe und Gefühl verfasst zu sein scheint – besonders im Hinblick auf die Übertragung und die sanfte Modernisierung, was teilweise die Wortwahl anbelangt.

Annes Welt ist wunderbar zum abtauchen geeignet, da sie weitab von 08/15-Romanen ist und einem sogar Lebenserfahrungen vermittelt und zum träumen, zum entspannen, zum freuen und zum wohl fühlen einlädt. Leider bisweilen auch zum mitleiden.

Zum Abschluss bleibt zu sagen, dass der schönste Ausblick die Ankündigungen für die Vertonung der nächsten beiden Bücher mit Erscheinen im Frühjahr und Herbst 2009 sind.

Wer jetzt schon die nächsten beiden Bücher kostenlos lesen möchte, sei die Website des Projekts Gutenberg empfohlen, auf der vier Anne Romane in englischer Sprache zum Lesen veröffentlicht wurden.





Anne in Avonlea umfasst die Einzelhörspiele:
5 Die neue Lehrerin
6 Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen
7 Eine weitere verwandte Seele
8 Das letzte Jahr als Dorfschullehrerin

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