Sonntag, 16. November 2008

Gruselkabinett Nr. 28/29 - Victor Hugo – Der Glöckner von Notre Dame

Der Glöckner von Notre Dame ist eine derart bekannte Geschichte, sodass es interessant ist, mal ein Original zu hören und keine Adaptionen wie zum Beispiel Disneys Kinderfilm. Dieser war bis dato die einzige Version die ich kannte und sie ist mir auch gut in Erinnerung geblieben. Besonders wegen der netten Charakterisierung und der kindgerechten schwarz-weiß-Malerei.

Das vorliegende zweiteilige Hörspiel steht im starken Kontrast zum Disney-Trickfilm: Quasimodo ist taub, Claude Frollo gar herzloser und das ganze Geflecht zwischen den Charakteren viel vertrackter. Auch sind die Charaktere weitaus vielschichtiger. Der größte Unterschied ist jedoch, dass es kein Happy End gibt. Wer die Geschichte nicht kennt oder nur Disneys Trickfilm, sollte unbedingt zugreifen, da das Hörspiel gänzlich anders ist und sehr von den Zusammenhängen zwischen Moralvorstellungen, Weltanschauung und der Interaktion der Charaktere lebt. Zweifelsohne wird eine düstere Welt geschildert, die jedoch auch Ihre schönen Seiten zeigt. - Im nächsten Moment wird zum Leid des Hörers und insbesondere der Charaktere all das Schöne (wieder) vernichtet.

Titania Medien, bekannt für atmosphärische Hörspiele, hat sich wiedermal voll ins Zeug gelegt und eine erstklassige Atmosphäre entstehen lassen. Dieses Hörspiel ist eine Zeitreise - so nah, so real wirkt es. Die Sprecher leisten durch die Bank weg gute Arbeit. Alle Rollen, die im Inlay explizit zugewiesen werden, sind hervorragend besetzt.
Als Fan von Christian Starks Stimme (seit dem Computerspiel Runaway, welches qualitativ einen Titania Medien Hörspiel gleicht) ist es mir eine Freude gewesen ihn als Jean Frollo du Moulin zu hören, dem Schabernack treibenden Bruder des unheimlichen Claude Frollo. Er gibt dem Charakter tiefe und zeigt beeindruckend sein Inneres, das nicht glänzt und schön ist.
Kristine Walther als La Esmeralda gibt ihr Titania Medien Debüt. Sie hat eine hervorragende Stimme, die ich in Zukunft öfter zu hören hoffe (zunächst wieder in Gruselkabinett 30).
Auffällig oft wird Udo Schenk zum Einsprechen von Bösewichten gebucht. In dieser Produktion beweist er einmal mehr, warum: Er zeigt einen sehr grausamen Mann, der scheinbar keine Gefühle hat. Im nächsten Augenblick ist er jedoch verzweifelt, verletzlich. Diese Stimmungsschwankungen habe ich von ihm noch nie so schnell aufeinanderfolgend und beeindruckend in einem Hörspiel vernommen. Hut ab!
Bis auf die Zwischenrufe des Volkes ist es die reinste Freude den Sprechern zuzuhören. Die Zwischenrufe sind mir bisweilen zu nah, einzelne Stimmen zu laut, was zwar realistischer wirkt, jedoch gefiel mir die keifende Stimme einer Frau nicht. - Muss dann gerade diese bisweilen so im Vordergrund sein? Das Volk wird durch diverse sehr unterschiedliche Stimme dargestellt, wodurch der gewohnte Einheitsklang von großen Mengen, wie ich es gewohnt bin dem Volk eine Stimme zu leihen, kaum zu tragen kommt. Momentan höre ich diese Neuerung noch mit kritischen Ohren und befinde mich im Zwist, ob dies besonders gelungen ist, oder tendenziell nicht. Viele verschiedene Stimmen zu verwendet finde ich sehr gut, doch der neue Realismus, verschiedene Nähen vorzutäuschen und gänzlich divergierende Stimmen zu verwenden ist doch ein Schock für meinen Gehörgang, denn derart wurde er bisher selten in explizit solchen Situationen gefordert. Für mich bildet dies eine Neuerung, die ich weiter verfolgen werde. Ich bin sehr gespannt, ob zukünftig nicht nur eine Stimme aus dem Volk einen Großteil der Anschuldigungen der am Pranger stehenden Person(en) übernehmen wird, ob dem Volk also noch mehr Stimmen zuteil werden.

Was mich leicht verwirrte ist, dass die Reihe Gruselkabinnett eigentlich unheimliche Geschichten erzählen sollte. Wirklich unheimlich ist die vorliegende jedoch nicht. Die einzige Gemeinsamkeit zur Reihe ist, dass es ein romantischer Stoff ist. Alternativ hätte dies Hörspiel als Titania Special herausgebracht werden können, wobei die Geschichte hier wiederum auch nicht richtig zu passen vermag, da dort vornehmlich Weihnachtsgeschichten und insbesonders Kindergeschichten erschienen sind. Dieses Hörspiel tanzt folglich ein wenig aus der Reihe im Gruselkabinett, wobei es jedoch von allen Titania Medien Reihen am meisten zu dieser passt.

Titania Medien hat hier einen wahren Ohrenschmaus geschaffen! Die Musik- und Geräuschkulisse ist derart dich, die Sprecher sind so hervorragend, dass man meint die Geschichte selbst zu erleben. Hörtipp!

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