Donnerstag, 15. Oktober 2015

Gruselkabinett Nr. 105 – Mitternachtsweg

Dieses Hörspiel ist eines der ungewöhnlichsten im Gruselkabinett. Es ist so vieles anders: 17 verschiedene Stimmen (SprecherInnen), gänzlich andere Musikstücke als üblich und ein Setting im aktuellen Jahrhundert. Normalerweise werden „Meisterwerke der Schauer-Romantik als atmosphärische Hörspiele“ umgesetzt. Darunter verstand ich lange Zeit ganz selbstverständlich Autoren und Werke, die im 19. oder 20. Jahrhundert angesiedelt sind. Später weichte diese Ansicht auf und beschränkte sich fortan lediglich auf schriftstellerische Leistungen, die eben an die Werke der Schauer-Romantik der vorherigen Jahrhunderte Erinnern, aber maximal am Anfang des 20. Jahrhunderts spielen. Folge 105 ist eine Premiere, da sie eben diese bisherige ungeschriebene Regel bricht. Die Handlung spielt zu Beginn des 21. Jahrhundert. Die zentralen Elemente reichen jedoch annähernd 100 Jahre in die Vergangenheit zurück. Das könnte die Annahme stützen, es handele sich trotzdem um ein Werk der „Schauer-Romantik“. Für mich tut es das nicht, weil es keinen längeren hörbaren Aufenthalt zu Beginn des 20. Jahrhundert gibt. Dadurch ist der Duktus und Sprachgebrauch dieses Hörspiels überaus modern. Nichtsdestotrotz freue ich mich sehr über dieses Hörspiel. Titania Medien hat sicherlich das Problem, wie viele andere auch, dass sich ein Einzelhörspiel nicht annähernd so gut verkaufen würde, wie innerhalb einer etablierten Reihe. Von der zeitlichen Komponente abgesehen, passt das Hörspiel sehr gut zum Gruselkabinett: Es gibt keine Schockmomente, dafür eine durchaus unheimliche, aber vor allem fesselnde Geschichte, die – wie so oft – auch eine Liebesgeschichte ist.
Ein weiteres Novum sind die Schauplätze in Norddeutschland. Besonders Hamburg und Sylt. Ironischerweise verschlägt es einen Bayern nach Sylt. So kommt es, dass dieser mit Akzent spricht. Eines der vielen Beispiele für die gelungene Sprecherwahl Titania Mediens.
Ebenso ungewöhnlich ist es, den Roman eines anderen deutschen Autoren zu vertonen, der erst kürzlich (vor ungefähr einem Jahr) erschienen ist. Titania Medien beweist damit eine Flexibilität, die ich ihnen gar nicht zugetraut hätte.

Marc Gruppe liefert auch mit dieser Adaption ein kleines Meisterwerk ab. Der 240 Seiten starke Roman passt auf eine CD mit moderaten 79 Minuten Spielzeit. Dabei sind Liebenswürdigkeiten wie der Plausch des Journalisten Peter Maydell mit der Pförtnerin (genial: Eckart Dux und Cathlen Gawlich) erhalten geblieben, die den jeweiligen Figuren mehr Tiefe geben und meiner Meinung nach wichtig sind, um mit ihnen als Hörer mitfühlen zu können. Die Welt wird real, dank der literarischen Vorlage von Benjamin Lebert, der tollen Bearbeitung von Marc Gruppe sowie der vielen großartig ausgewählten Sprecher, Geräusche und Musikstücke. Besonders die Musikauswahl war überraschend. Sie bildet geradezu einen Kontrast zu allen vorherigen Folgen des Gruselkabinetts. Es sind viel modernere Klänge, die exzellent passen. Von der Auswahl und dem der Zeit geschuldeten anderen Sprache bin ich so begeistert, dass ich gerne mehr in dieser Richtung hören würde. Zuletzt gefiel mir eine moderne Darstellung der Zeit so atmosphärisch gut bei „Schattenreich“ von Stil, wobei deren Herangehensweise kaum vergleichbar ist, wegen der Konzentration auf die Musik und Wirkung von Geräuschen sowie Inhalten. Beide Produktionen haben gemein, dass sie von einer unnahbaren Frau handeln. Hier wird sie von Melanie Hinze gesprochen. Eine erfrischende Leistung, die den Hörer immer wieder fragen lässt, wie gefährlich diese Frau sein kann…

Dieses Hörspiel ist eine grandiose Komposition. Das Cover ist eines derer im Gruselkabinett, die mich faszinieren, weil sie eine Sehnsucht wecken: nach Vergangenem, Erlebten oder noch nicht Erlebten. Es ist ein schönes Gemälde, das jede Wand zieren könnte, ohne Angst oder Furcht auszulösen, sofern die Hintergründe zur Darstellung unbekannt sind. Sonst sind die Cover doch meist bedrohlich oder unheimlich angelegt. Hier wird tatsächlich eine Szene gezeigt, in der noch alles in Ordnung war, vor den tragischen Ereignissen, die sich bis in das 20. Jahrhundert auswirken.

Fazit
Titania Medien kann auch anders! Ein sehr untypisches Hörspiel im Gruselkabinett: absolut modern, mit bisher unbekannten musikalischen Klängen, tollen Geräuschen, herausragenden Sprechern und einer gewohnt liebevoll-detailliert erzählten unterhaltsamen, spannenden Geschichte. Ein famoses Hörspiel.

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